Mama Killa in ihrem Element
Mama Killa machte in diesen Andennächten die Welt leise ordentlich. Der Wind fand seine Wege, Geräusche blieben näher am Boden, und selbst Hunde bellten nicht aus Gewohnheit, sondern nur, wenn es wirklich nötig war. In so einer Nacht stand ein Kind im Hof eines kleinen Dorfes, während der Mond groß über den Dächern hing, rund und hell, als würde er absichtlich langsam leuchten, damit niemand Ausreden fand, etwas nicht zu sehen.
Das Kind starrte nach oben, als wolle es dem Mond gleich eine Aufgabe geben. Dann sagte es, ganz ohne Flüstern: „Heute gehörst du mir.“
Der Mond antwortete nicht. Er hatte schon viele Dinge gehört, auch sehr ernst gemeinte, und er war nicht der Typ, der jedes Mal diskutiert. Das Kind nahm das Schweigen als Zustimmung. Kinder sind darin gut. Wenn etwas nicht widerspricht, gilt es schnell als beschlossen.
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Am Tag zuvor hatte das Kind beobachtet, wie sich der Mond im Wasser zeigt. Nicht nur einmal. In einer Pfütze lag er, in einem Eimer, in einer Schale, sogar in einem feuchten Stein, wenn der richtig glatt war. Das Kind hatte dabei nicht gedacht: „Oh, schön.“ Es hatte gedacht: „Das kann ich benutzen.“
Also trug es in der ersten Nacht Töpfe herbei. Viele. Manche waren für Mais, manche für Wasser, manche waren eigentlich zu klein für alles, aber das spielte keine Rolle. Es füllte sie bis zum Rand, stellte sie in einer Reihe auf und wartete. Als der Mond hoch genug stand, lag er in jeder Schale. Ein runder Mond, ein zweiter, ein dritter. So viele Monde, dass es fast wirkte, als hätte der Himmel Ersatzteile.
Das Kind grinste zufrieden. „Jetzt bist du eingepackt“, sagte es. „Ich habe dich sogar mehrfach.“
In dieser Nacht schlief es schlecht. Nicht aus Angst, sondern aus Kontrolle. Besitz macht unruhig. Wer glaubt, etwas zu haben, prüft ständig, ob es noch da ist. Das Kind wachte immer wieder auf, schlich hinaus, schaute in die Schalen und beruhigte sich erst, wenn der Mond noch im Wasser lag.
Am Morgen erzählte es allen davon. Die Erwachsenen lachten kurz und machten weiter. Die anderen Kinder lachten länger, weil Lachen billiger ist als Nachdenken. Niemand nahm es ernst. Und niemand merkte, dass der Mond am Abend später kam. Nicht viel später, nur so, dass es auffiel, wenn man hinsehen wollte. Sein Licht wirkte außerdem schwächer, als hätte jemand eine dünne Wolldecke darüber gelegt.
In der zweiten Nacht wurde das Kind ehrgeizig. Wasser allein war zu einfach. Es holte glatte Steine, polierte Metallstücke, alles, was spiegeln konnte. Bald schimmerte der Mond von überall. Kleine Monde, lange Monde, Monde mit krummen Rändern. Der Hof war heller als sonst, aber das Licht fühlte sich falsch an. Schatten lagen an ungewohnten Stellen. Wege wirkten länger. Gesichter sahen plötzlich aus, als hätten sie heimlich schlechte Laune.
Die Tiere reagierten zuerst. Hunde blieben stehen und schnüffelten, als wäre der Boden plötzlich nicht mehr vertrauenswürdig. Hühner wachten auf, obwohl es noch Nacht war, und taten so, als müssten sie dringend etwas klären. Menschen schliefen unruhig, einige wachten zu früh auf, andere fanden gar nicht erst in den Schlaf. Im Dorf wurde gemurmelt, und das Murmeln klang wie „Irgendwas stimmt hier nicht“, nur ohne Mut, es laut zu sagen.
In der dritten Nacht trat eine Frau (Mama Killa) in den Hof, als wäre sie schon länger da und hätte nur beschlossen, jetzt sichtbar zu werden. Niemand hatte ihre Schritte gehört. Sie setzte sich neben die Schalen, ohne eine zu berühren. Ihr Haar war dunkel wie die Nacht zwischen zwei Mondphasen, ihr Gesicht ruhig, als würde sie alles gesehen haben, was Menschen nachts so treiben, wenn sie glauben, niemand merkt es.
„Du sammelst viel“, sagte sie.
„Ich sammle den Mond“, sagte das Kind stolz. „Ich habe ihn mehrfach. Ich kann ihn behalten.“
Die Frau nickte langsam, als würde sie das Wort „behalten“ besonders hören. „Du sammelst sein Bild.“
Mama Killa hob eine Schale an und kippte sie leicht. Das Wasser lief aus. Der Mond im Wasser verschwand, als wäre er nie da gewesen. Dann nahm Mama Killa einen Spiegel, hielt ihn einen Moment hoch und ließ ihn wieder sinken. Ein Windstoß ging durch den Hof, und der Mond im Spiegel war weg. Nicht kaputt. Einfach weg.
„Warum geht das so leicht?“, fragte das Kind, und in seiner Stimme war zum ersten Mal weniger Sieg und mehr Frage.
„Weil du nichts festgehalten hast“, sagte Mama Killa. „Du hast nur gespiegelt. Spiegeln fühlt sich an wie Besitz, ist es aber nicht. Es ist ein Trick des Auges.“
Das Kind starrte sie an. Es verstand plötzlich, wer sie war, ohne dass sie es sagen musste. Mama Killa. Nicht als fernes Bild, nicht als Statue, nicht als Geschichte, die Erwachsene erzählen, wenn Kinder still sein sollen. Sondern als jemand, der sich hinsetzt und erklärt, weil Erklären manchmal härter trifft als Schimpfen.
„Du kannst Licht sammeln wie Gedanken“, sagte Mama Killa ruhig. „Aber du kannst es nicht besitzen. Manche Dinge funktionieren nur, wenn sie frei bleiben. Die Nacht braucht Ordnung, aber sie braucht keine Gier. Rhythmus entsteht nicht, weil jemand ihn einsperrt, sondern weil man ihn respektiert.“
Über ihnen schob sich eine Wolke vor den Mond, nur halb. Das Licht blieb, gedämpft und ruhig. Genau so, dass man sehen konnte, ohne alles auszuleuchten. Das Kind merkte, dass es sich im Hof plötzlich wieder normal anfühlte. Nicht heller. Nur richtiger.
Am nächsten Morgen räumte das Kind alles weg. Keine Schalen mehr, keine Spiegel, keine glänzenden Tricks. Der Hof wirkte leer, aber nicht traurig. Eher so, als hätte jemand Platz gemacht, damit die Nacht wieder arbeiten kann.
In der folgenden Nacht kam der Mond wieder wie früher. Still, klar, ungeteilt. Hunde fanden ihre Wege, ohne stehenzubleiben. Menschen schliefen tiefer. Das Dorf wirkte weniger gereizt, als hätte jemand heimlich eine störende Fliege aus der Dunkelheit gefangen und nach draußen getragen.
Seitdem wird die Geschichte erzählt, wenn jemand zu gierig nach Dingen greift, die nicht dafür gedacht sind. Der Mond lässt sich sehen, aber nicht einpacken. Wer versucht, ihn zu besitzen, verliert genau das, was ihn wertvoll macht. Und wer nachts unbedingt alles kontrollieren will, merkt irgendwann, dass die Nacht länger wird, wenn sie sich nicht mehr willkommen fühlt.
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