Pachamama im Hinterhof des Supermarkts
Pachamama und Perusino reden über zu viel, zu schnell und die Folgen
Pachamama sitzt im Hinterhof eines Supermarkts. Dort wo die Türen nur für Lieferwagen aufgehen und wo niemand gern lange stehen bleibt. Der Ort wirkt wie eine Ecke, die aus Versehen vergessen wurde, obwohl hier jeden Tag Entscheidungen landen. Eine Mauer hält den Blick von der Straße fern, und genau das macht den Hinterhof so praktisch. Ein Teil der Wahrheit bleibt unsichtbar, wenn niemand um die Ecke geht.
Der Hof riecht nach nassem Karton. Nach kalter Luft aus den Kühlaggregaten und nach süßem Obst, das eigentlich noch gegessen werden könnte. Große Tonnen stehen dicht an dicht, und mehrere Deckel bleiben schief, weil zu viel darin steckt. Zwischen Folien und Kisten liegen Brote, Joghurtbecher und Äpfel mit kleinen Druckstellen. Ein Teil davon wirkt noch wie frisch aus dem Regal gefallen, nur ohne Platz in der Auslage.
Ein Kind sieht in so einem Moment zuerst das Essen und dann die Frage. Erwachsene sehen oft zuerst Regeln, Schichten, Lieferlisten und Gründe, die sich geschniegelt anhören. Die Erdgöttin interessiert sich nicht für Ausreden, weil Ausreden keine Mägen füllen und keine Felder ruhen lassen. Perusino merkt das sofort, weil seine Fragen nicht geschniegelt sind, sondern direkt, so wie Kinderfragen eben sind.
Perusino steht vor den Tonnen und hält die Hände in den Taschen, weil der Beton kalt wirkt. Fliegen ziehen kleine Kreise, als hätten sie einen Stundenplan. Neben einer umgedrehten Gemüsekiste sitzt eine Frau. Die so ruhig aussieht, als würde sie zu diesem Ort gehören, seit Menschen Dinge zu schnell entscheiden. Kleidung fällt an ihr nicht auf, und genau das macht sie auffällig. Erde klebt an ihren Fingern, als hätte sie kurz vorher noch etwas angefasst, das wachsen will. Der Blick bleibt klar, als wäre dieser Hinterhof nur eine Seite eines Buches, das viele Menschen lieber geschlossen lassen.
Perusino: Warum landet das alles hier, obwohl es noch gut aussieht?
Pachamama: Eine Sortierung nennt man das. Regeln gehören dazu, und diese Regeln lieben Verkauf mehr als Hunger, obwohl Hunger der Grund ist, warum Essen überhaupt wichtig ist.
Perusino: Ordnung soll das sein, aber Ordnung sieht für mich nicht nach Wegwerfen aus, sondern nach Aufheben.
Pachamama: Ordnung gilt hier für Regale und Abläufe, während Kreisläufe keinen Platz bekommen, weil Kreisläufe Zeit brauchen und Zeit in Berichten oft wie ein Fehler wirkt.
Ein Windstoß hebt eine Folie an, und darunter liegen Erdbeeren. Eine Ecke ist matschig, der Rest bleibt rot und fest. Ein Karton daneben ist noch zu, als hätte jemand beschlossen, dass Ansehen wichtiger ist als Inhalt.
Perusino: Erwachsene sagen dauernd, später wird alles besser, weil Technik kommt und Recycling kommt und neue Ideen kommen.
Pachamama: Später ist ein bequemes Wort, und ein Lagerraum wird daraus im Kopf, obwohl Zeit kein Lagerraum ist und ein Apfel nicht wieder frisch wird, nur weil jemand das gern hätte.
Perusino: Wut müsste dich doch packen, wenn du das siehst, oder bleibt dir das egal?
Pachamama: Wut beschleunigt nichts, und Aufmerksamkeit verändert mehr, weil sie Handlungen früh stoppt, bevor aus Gewohnheit ein Schaden wird.
Ein Tonnendeckel fällt zu, rutscht wieder hoch und bleibt schief stehen, als würde sogar die Tonne widersprechen. Ein Vogel landet kurz auf dem Rand, schaut in die Tiefe und fliegt wieder weg, als wäre sogar ihm das zu viel.
Perusino: Folgen fallen mir ein, aber Folgen klingen wie Strafe, und Strafe klingt böse.
Pachamama: Strafen kommen von oben, Folgen kommen von selbst, und Folgen sind nicht böse, sondern ehrlich, weil sie zeigen, was passiert, wenn Maß fehlt.
Flüssigkeit tropft aus einer Tonne und zieht eine Spur über den Asphalt. Ein Gully schluckt die Spur, als wäre auch das nur Wegwerfen. Eine Kiste mit Salat steht daneben, noch knackig, nur an den Blättern etwas dunkel.
Perusino: Wachstum gilt überall als gut, und bei Kindern heißt das sogar, dass man sich freut, wenn man größer wird.
Pachamama: Wachstum ist nicht das Problem, sondern Maß, weil Maß Wachstum gesund macht, und ohne Maß wird aus größer irgendwann zu viel.
Perusino: Stillstand macht vielen Angst, weil Stillstand nach Verlieren klingt.
Pachamama: Pausen halten Dinge am Leben, und ohne Pause kippt ein System um, auch wenn es vorher perfekt wirkte, so wie ein Mensch ohne Schlaf zwar wach bleibt, aber nicht klar.
Perusino: Maschinen können doch helfen, weil Maschinen rechnen und planen.
Pachamama: Maschinen rechnen gut, Leben wartet anders, und Warten ist kein Fehler, sondern ein Teil von Reife, wie bei einem Kuchen, der innen roh bleibt, wenn zu schnell geschnitten wird.
Perusinos Blick wandert noch einmal über die Tonnen. Drinnen im Markt stehen die gleichen Produkte ordentlich in Reihen, und draußen liegen sie wie eine zweite Version derselben Welt, nur ohne Preisschild und ohne Stolz. Der Hof wirkt plötzlich wie ein Spiegel, den niemand vorn aufhängen will. Ein Schlüsselbund klappert irgendwo hinter einer Tür, und Schritte entfernen sich schnell, als hätte jemand Angst vor Fragen.
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Perusino: Ein Bild soll sich ein Kind merken, und welches Bild ist es hier?
Pachamama: Ein voller Behälter hinter einer sauberen Fassade, damit ein Kind versteht, dass Sauberkeit manchmal nur ein Vorhang ist und dass hinten oft die Wahrheit liegt.
Perusino: Ein Satz soll helfen, wenn jemand sagt, das sei normal und nicht zu ändern, und so ein Satz soll auch Erwachsene treffen.
Pachamama: Normal ist nur das, woran man sich gewöhnt, und Gewöhnung ist keine Entschuldigung. Eine Entscheidung bleibt trotzdem möglich, jeden Tag, bei jeder Kiste, bei jedem Blick weg oder hin.
Perusino: Eine Entscheidung klingt groß, aber ich bin klein, und kleine Leute werden oft überhört.
Pachamama: Größe entscheidet nicht, Aufmerksamkeit entscheidet, und eine kleine Frage kann größer sein als ein großer Plan, weil eine Frage ein Stoppschild im Kopf sein kann.
Perusino: Welche Frage passt zu diesem Ort, ohne dass es wie ein Vortrag klingt?
Pachamama: Eine Frage heißt: Warum liegt das hier draußen, obwohl es noch Nahrung sein könnte. Eine zweite Frage heißt: Wer hat entschieden, dass zu viel erlaubt ist. Eine dritte Frage heißt: Wer bezahlt den Preis, wenn Essen im Müll endet.
Perusino: Geld bezahlen Erwachsene, aber was meinst du noch mit Preis?
Pachamama: Ein Preis ist auch Boden, Wasser, Arbeit und Zeit. Ein Apfel braucht Sonne, Regen, Hände und Wege, und ein Apfel im Müll macht aus all dem eine Lücke, die niemand auf dem Kassenzettel sieht.
Perusino: Ein Statement brauche ich trotzdem, eins zum Merken, weil sonst alle gleich wieder wegsehen.
Pachamama: Ein Statement passt hier, weil dieser Ort ehrlich ist. Wer mehr will, muss zuerst genug erkennen, sonst wird aus Reichtum Abfall und aus Abfall Zukunft, und Verantwortung beginnt nicht bei großen Reden, sondern bei kleinen Entscheidungen, die niemand beklatscht.
Ein Moment Stille hängt zwischen den Betonwänden. Perusino schaut nicht mehr nur in die Tonnen, sondern auch auf die eigenen Schuhe, als würden die Sohlen plötzlich eine Geschichte erzählen. Eine Schale Joghurt liegt da, noch zu, und das Ablaufdatum wirkt wie eine winzige Zahl, die über alles entscheidet. Ein Gedanke bleibt in seinem Kopf hängen, weil er einfach klingt und trotzdem schwer ist. Genug wirkt plötzlich nicht langweilig, sondern wie ein Ziel.
Ein Satz aus dem Gespräch klingt nach, weil er ohne Drohung auskommt und trotzdem trifft. Pachamama nennt Gewöhnung keine Entschuldigung, und genau dieser Punkt ist für Kinder leicht zu verstehen. Eine Gewohnheit kann sich wie normal anfühlen, obwohl sie falsch ist, und genau deshalb hilft ein Fragen. Ein Fragen hält kurz an, bevor man einfach weiterläuft.
Ein Blick auf die Tonnen zeigt außerdem, dass Hinterhöfe selten nur Hinterhöfe sind. Ein Teil des Systems versteckt sich gern, weil sich ein Versteck leichter anfühlt als Veränderung. Pachamama steht deshalb nicht nur für Erde, sondern auch für das, was unter der Oberfläche passiert, wenn zu viel und zu schnell zur Regel wird. Ein Boden wird müde, Wasser wird dreckiger, Luft wird schwerer, und am Ende wird Essen knapper, obwohl vorher so viel da war.
Ein Kind kann an dieser Stelle mehr tun, als viele Erwachsene erwarten. Eine Frage am Küchentisch kann reichen, damit jemand beim nächsten Einkauf anders hinschaut. Eine Portion, die wirklich gegessen wird, kann wichtiger sein als eine Portion, die nur gut aussieht. Ein Rest im Kühlschrank kann ein Plan sein, kein Makel. Pachamama verlangt dabei keine Perfektion, sondern Aufmerksamkeit, weil Aufmerksamkeit der Anfang von Maß ist.
Ein letztes Bild bleibt hängen, weil es sich leicht merken lässt. Der vordere Eingang zeigt Ordnung und Auswahl, und der Hinterhof zeigt den Preis. Pachamama sitzt genau dort, damit niemand sagen kann, dass es niemand gesehen hat. Perusino nimmt am Ende keinen Zauberspruch mit, sondern einen Satz, der in jede Tasche passt: Genug erkennen schützt mehr als mehr besitzen.
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