Illapa in Grönland: Ein Donnergott am falschen Ort
Warum Illapa auf Eis mehr zu sagen hat, als man denkt
Illapa steht in Grönland auf einer Fläche aus Eis, und Perusino steht daneben und versucht nicht zu zittern. Ein Wind schiebt Kälte unter die Jacke, als würde jemand heimlich Eiswürfel in den Kragen kippen. Der Himmel hängt tief, grau und breit, und die Stille wirkt so angespannt, als hätte sie schon lange auf ihren Einsatz gewartet.
Perusino schaut sich um. Ein paar dunkle Felsen ragen dunkel aus dem Weiß. Ein Streifen Meer liegt in der Ferne und sieht aus, als hätte jemand einen Riss in die Landschaft geschnitten. Kein Dorf, kein Feld, kein Baum, der dramatisch umkippen könnte. Dieser Ort wirkt wie die letzte Seite eines Malbuchs, auf der aus Versehen nur Weiß übrig blieb.
Perusino: Ein Satz muss raus. Du bist hier falsch.
Der Mann neben ihm wirkt nicht beleidigt. Illapa wirkt eher so, als hätte er diesen Satz schon in hundert Sprachen gehört. Ein Blick wandert über das Eis, als würde er prüfen, ob die Fläche überhaupt Lust auf Diskussion hat.
Illapa: Ein Urteil wie „falsch“ braucht Gründe, sonst ist es nur Atem in kalter Luft, der sofort verschwindet.
Perusino: Gründe gibt es genug. Hier ist kein Mais, kein Dach, kein Markt, nicht mal ein Hund, der sich aufregt. Donner ohne Publikum fühlt sich an wie ein Witz, den man in ein Kissen erzählt.
Ein kurzes Grollen rollt durch die Wolken. Es ist kein lauter Knall, eher ein tiefes Räuspern, als würde der Himmel sagen: Ich höre mit.
Illapa: Publikum ist etwas, das Menschen erfinden, damit sie sich wichtig fühlen, wenn sie hinschauen. Donner braucht keine Zuschauer, sondern Spannung, und die hängt manchmal gerade dort in der Luft, wo alle wegsehen.
Perusino: Menschen mögen Erfindungen. Besonders solche, mit denen Probleme weit weg bleiben.
Ein Schritt knirscht, weil Eis nie wirklich still ist. Unter dem Schnee liegt eine harte Schicht, und darunter bewegt sich dunkles Wasser, langsam und heimlich.
Perusino: Viele sagen: „Grönland ist weit weg.“ Dann kommt der nächste Satz gleich hinterher: „Dann ist es nicht wichtig.“ Der Satz klingt bequem, aber er macht mich misstrauisch.
Illapa: Bequem klingt wie eine Decke, aber es ist oft nur eine Ausrede mit gutem Stoff, und Ausreden halten keinen Sturm auf.
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Perusino zieht die Handschuhe hoch und zerrt sie fester über die Finger, als könne Stoff gegen Gedanken helfen.
Perusino: Später ist das Lieblingswort von Leuten, die heute nichts anfassen wollen.
Illapa: Genau deshalb stehe ich hier, denn später ist der Moment, in dem ein leises Knacken plötzlich wie ein lautes Nein klingt.
Perusino starrt ihn an und versucht zu erkennen, ob sich in diesem Gesicht irgendetwas bewegt.
Perusino: Also ist das eine Drohung?
Illapa: Eine Drohung will Angst, aber eine Erinnerung will Klarheit, und Klarheit trifft manchmal härter als jedes Donnerwort.
Perusino merkt, dass Illapa dabei kein bisschen drohend klingt, eher wie ein Lehrer, der einen Test ankündigt und genau weiß, dass fast alle hoffen, er mache nur Spaß.
Perusino: Eine Erinnerung an was?
Der Donnergott: An Verbindung, denn Luft ist ein Seil, das Kontinente zusammenbindet, und Wasser ist der Knoten, der sich nicht beeindrucken lässt.
Ein Name bleibt dabei hängen, weil Namen leichter sind als Erklärungen: Illapa.
Der Wind pfeift kurz, als würde er das Wort ausprobieren. Verbindung klingt hier oben komisch, fast zu warm für diesen Ort, in dem alles nach Kälte aussieht.
Perusino: Verbindung klingt nach Schule. Viele rollen da innerlich mit den Augen und tun so, als hätten sie alles verstanden.
Der Donnergott: Augenrollen ist erlaubt, aber Sehen ist besser, denn die Welt verteilt keine Punkte für genervtes Gesicht, sondern nur Folgen für verpasste Hinweise.
Ein Grinsen rutscht Perusino ins Gesicht. Kälte lässt keinen Humor wachsen, aber sie kann ihn immerhin nicht komplett einfrieren.
Perusino: Eine Sache will ich verstehen. Ein Donnergott gehört doch in Berge, in Gewitter, in Regen. Dieser Ort wirkt wie ein Kühlschrank ohne Licht.
Der Donnergott: Ein Kühlschrank ohne Licht ist trotzdem voll, und genauso ist dieses Eis voll von Bewegung, nur leiser. Donner gehört nicht in Berge, sondern in die Stellen der Welt, an denen Energie aufgestaut ist, bis sie sich endlich Bahn bricht.
Perusino schnauft einmal tief durch, bevor er weiterredet.
Perusino: Vergleich mit Essen funktioniert immer. Dann erklär es bitte so einfach, dass selbst ein müder Kopf es versteht. Warum passiert das ausgerechnet an diesem kalten Ort hier oben?
Ein weiteres Grollen rollt, weiter weg diesmal, wie ein großer Wagen auf einer Straße, die niemand sieht.
Der Donnergott: Luft bleibt nicht brav am Rand stehen, Wasser reist unter Eis wie unter Türen, Wärme schleicht, Kälte drängt, und alles mischt sich, ob es jemand mag oder nicht. Ein Ort ist nie allein, auch wenn er leer aussieht.
Perusino nickt langsam, weil der Satz leicht klingt und trotzdem schwer im Bauch landet.
Perusino: Also geht es am Ende um Folgen, wenn ich dich richtig verstehe.
Der Donnergott: Folgen sind der Blitz im Kopf, der sagt: „Das war nicht nur Wetter“, und wer sie ignoriert, bekommt später die Rechnung ohne freundliche Erklärung.
Perusino: Dann ist der Trick, dass man die Folgen nicht sofort sieht.
Der Donnergott: Menschen halten Unsichtbares gern für harmlos, dabei sind die gefährlichsten Dinge oft genau die, die leise arbeiten, während alle sich über laute Wörter streiten.
Perusino schaut auf das Eis unter seinen Stiefeln und spürt, wie der Boden zwar hart ist, sich aber trotzdem nicht sicher anfühlt.
Perusino: Unsichtbar ist hier das meiste. Unter dem Eis bewegt sich Wasser, und oben bewegt sich der Himmel. Mein Kopf versucht gerade, ruhig zu bleiben.
Der Donnergott: Ruhe ist gut, aber Wachheit ist besser, denn Eis kann freundlich aussehen und trotzdem plötzlich „Stopp“ sagen.
Perusino: Mein Gefühl sagt: „Das ist nicht normal.“
Der Donnergott: Normal ist ein Wort, das Menschen benutzen, wenn sie hoffen, dass die Welt sich an ihren Plan hält, aber Wetter unterschreibt keine Verträge.
Ein Blick von Illapa reicht, um klarzumachen, dass Hoffnung kein Gesetz ist und die Welt sich nicht nach Vokabeln richtet.
Ein Windstoß rüttelt an der Kapuze. Schneekristalle fliegen quer, als hätten sie beschlossen, im Interview mitzuschreiben.
Perusino: Viele stellen sich Illapa wütend vor. Ein Blitz bedeutet für viele Ärger, und ein Donner klingt für sie wie eine Strafe. Das Bild sitzt bei vielen im Kopf.
Der Donnergott, also Illapa, wirkt eher wie jemand, der Werkzeuge sortiert, nicht wie jemand, der ausrastet.
Der Donnergott: Wut ist ein kurzer Funke, aber Donner ist Arbeit, und Arbeit bedeutet: Druck aufbauen, lösen, neu ordnen. Krach ist dabei nur das Geräusch, das übrig bleibt, wenn Menschen den Sinn überhören.
Perusino: Arbeit klingt nicht nach Heldengeschichte.
Der Donnergott: Heldengeschichten lieben Glanz, aber Aufräumen bringt das Dach nicht zum Leuchten, sondern hält es schlicht über dem Kopf, und genau darum geht es.
Perusino lacht laut auf, obwohl die Luft sofort versucht, dieses Lachen einzufrieren.
Perusino: Ein Kind neben mir würde fragen: „Muss ich Angst haben, wenn es knallt?“
Der Donnergott: Angst ist ein Warnsystem, das sagt: „Bleib wach“, und genau das ist klüger, als sofort tapfer zu spielen, während der Himmel schon seine Meinung rollt.
Perusino: Dann ist Angst nicht peinlich.
Der Donnergott: Peinlich ist nur, wenn Erwachsene so tun, als wäre alles harmlos, obwohl das Herz längst schneller läuft.
Ein Knacken im Eis kommt näher. Perusino tritt automatisch einen Schritt zurück und spürt, wie die Zehen bei jeder Bewegung protestieren.
Perusino: Ein Kopf sagt: „Alles gut.“ Ein Bauch sagt: „Besser aufpassen.“ Welcher hat recht?
Der Donnergott: Der Bauch hat oft recht, weil er keine Ausreden formuliert, sondern einfach nur meldet, was er spürt.
Perusino: Der Bauch gewinnt viel zu oft. Der Bauch gewinnt auch bei Süßigkeiten.
Der Donnergott: Süßigkeiten sind ehrlich, aber Folgen sind ehrlicher, denn sie kommen auch dann, wenn niemand mehr Lust auf das Thema hat.
Perusino atmet langsam aus und sieht, wie sein Atem als kleine Wolke in der Kälte verschwindet.
Perusino: Ein Satz kommt mir dauernd in den Kopf: „Zu weit weg.“ Der Satz ist wie eine Decke, unter der man sich versteckt.
Der Donnergott: Decken sind hier oben dünn, und Wind findet jede Kante, denn Entfernung ist keine Wand, sondern nur eine Strecke.
Illapa lässt den Satz stehen, als wäre er aus Stein und müsste nicht weiter erklärt werden.
Perusino: Wind gibt es hier genug.
Der Donnergott: Genau so ist es, und genau deshalb kommt ein Hinweis manchmal als Grollen, weil Flüstern im Wind nur verloren geht.
Ein Moment Stille entsteht. Es ist keine gemütliche Stille, eher eine Stille, die zuhört und alles merkt.
Perusino: Eine Frage für alle, die lesen und denken: „Mich betrifft das nicht.“ Was würdest du sagen?
Der Donnergott: Ein einziger Satz kann reichen, wenn er sitzt: Alles hängt zusammen, auch wenn der eigene Alltag so tut, als wäre er eine Insel.
Perusino: Ein Satz reicht selten. Erwachsene brauchen meistens drei Sätze und eine Ausrede.
Der Donnergott: Der zweite Satz lautet: Entfernung ist keine Mauer, sondern nur das gute Gefühl, die Augen schließen zu können.
Perusino: Und der dritte Satz?
Der Donnergott: Aufmerksamkeit ist Arbeit, aber diese Arbeit ist leichter, als später staunend vor Folgen zu stehen, die niemand mehr schnell repariert.
Perusino schaut zum Himmel hoch und versucht zu erkennen, was sich hinter den dicken Wolken bewegt.
Perusino: Illapa, eine Sache bleibt. Ein Donnergott wirkt hier wie ein falscher Gast auf einer Geburtstagsparty. Keiner hat eingeladen, aber alle merken, dass er da ist.
Ein leises Grollen von Illapa antwortet, näher als zuvor, nicht bedrohlich, eher streng.
Der Donnergott: Falsche Gäste sind oft die einzigen, die sagen, dass der Kuchen brennt, während alle noch klatschen, und solche Gäste sind unbequem, aber nützlich.
Perusino: Ein Problem wäre ein großes Wort.
Der Donnergott: Ein Problem ist ein kleines Wort, das große Dinge beschreibt, und genau deshalb wird es so gern klein geredet.
Perusino schluckt einmal, weil der nächste Gedanke schwerer ist als die Kälte.
Perusino: Eine Rückfrage kommt noch. Was soll ein Mensch aus diesem Ort mitnehmen, wenn der Mensch in einer warmen Stadt sitzt?
Der Donnergott: Ein Bild passt: Ein Eiswürfel im Glas schmilzt, obwohl niemand hinsieht, und am Ende wundert sich jeder über das Wasser, als hätte es sich selbst erfunden.
Perusino: Ein Eiswürfel ist klein.
Der Donnergott: Viele kleine Dinge ändern ein großes Glas, und ein großes Glas kippt schneller, als man denkt, wenn genug Tropfen zusammenkommen.
Perusino nickt vorsichtig, denn das Bild passt sogar für Menschen, die nie ein Eisfeld aus der Nähe gesehen haben.
Perusino: Meine Füße melden sich. Die Zehen fühlen sich an wie kleine Steine.
Der Donnergott: Geduld passt zu Steinen, aber Zehen sind keine Helden, und Kälte verhandelt nicht.
Perusino: Ein Rückweg passt dann. Ein Satz zum Schluss wäre gut.
Der Donnergott: Ein klarer Satz passt ans Ende: Aufmerksamkeit ist der erste Schritt, und ohne diesen Schritt bleibt alles nur Geräusch.
Ein kurzes Nicken von Illapa wirkt wie ein Stempel unter dem Gespräch.
Perusino dreht sich um und stapft Richtung Küste. Ein letzter Blick geht nach hinten. Der Mann steht noch immer auf dem Eis, ruhig, schwer und wach. Ein fernes Grollen zieht über den Himmel, als würde jemand einen Punkt setzen, den niemand überlesen sollte.
Wärme wartet unten nicht wie ein Geschenk, sondern wie eine Aufgabe, die später erledigt werden muss. Worte warten ebenfalls darauf, später weitererzählt zu werden. Ein Kopf kann sie wiederholen, ein Bauch kann sie behalten. Illapa bleibt im Gedanken wie ein Name, der nicht oft fallen muss, damit er sitzt. Illapa bleibt auch wie ein Geräusch, das man nicht bestellt, aber trotzdem versteht.
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