Perusino und Viracocha und die Frage nach dem Anfang.
Das erste Interview mit dem Gott der Götter - Viracocha
Viracocha . Ein rotes Licht über der Kamera brannte, als hätte es gerade beschlossen, die Wirklichkeit anzuschalten. Das Studio wirkte sauberer als jede Inka-Straße, die Perusino je gesehen hatte, und roch nach Kabel, Kaffee und ein bisschen nach Angstschweiß von Leuten, die Live sehr ernst nehmen. Ein Bildschirm hinter dem Tisch zeigte eine ruhige Sternenkarte, damit niemand vergaß, dass es hier ausnahmsweise um Dinge ging, die größer waren als die Sendezeit.
Perusino saß auf einem viel zu großen Stuhl, der sich anfühlte wie ein Thron für Erwachsene, die zu lange sitzen. Ein Mikrofon hing von oben, ein zweites lag auf dem Tisch, und ein drittes stand sicherheitshalber am Rand, falls Worte ausrutschen sollten. Gegenüber saß Der Schöpfungsgott. Kein Donner, kein Nebel, kein dramatisches Auftauchen auf einer Bergspitze. Nur eine Gestalt, die nicht ganz wie eine normale Person wirkte. Die Kleidung sah schlicht aus, aber das Licht darin tat so, als hätte es eine eigene Meinung.
Ein Techniker zeigte mit dem Daumen nach oben. Der Regisseur flüsterte etwas in sein Headset, das nach Bitte keine Überraschungen klang. Perusino räusperte sich, schaute in die Kamera und begann.
Perusino: „ Großer Gott, danke, dass du in ein modernes Studio gekommen bist. Bist du nicht beleidigt, weil hier keine Berge, keine Tempel und nicht mal ein einziges Lama herumsteht?“ Viracocha : „Beleidigt werden viele, wenn ihre Kulisse fehlt. Eine Idee braucht keine Kulisse. Ein Studio ist nur ein anderer Ort, an dem Menschen versuchen, Dinge zu verstehen.“
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Perusino: „Also ist das hier für dich wie ein Berg, nur mit mehr Kabeln?“ Viracocha : „Ein Berg ist alt und geduldig. Ein Kabel ist jung und nervös. Beide verbinden etwas. Das reicht als Verwandtschaft.“
Perusino: „Viele nennen dich den Schöpfer. Andere sagen, es gäbe verschiedene Anfänge. Stimmt das, dass du wirklich am Anfang von allem stehst?“ Viracocha : „Viele Erzählungen setzen mich an den Anfang, weil ein Anfang ohne Namen schwer auszuhalten ist. Manche Orte erzählen zuerst von der Sonne, andere von der Erde, andere von Bergen oder Wasser. Ein Anfang kann mehrere Stimmen haben, ohne dass eine davon lügt.“
Perusino: „Mehrere Stimmen am Anfang klingt wie eine Schulklasse, bevor der Unterricht startet.“ Viracocha : „Eine Schulklasse ist ein guter Vergleich. Viele reden gleichzeitig, und trotzdem entsteht irgendwann ein Plan.“
Perusino: „Gab es denn vor der Welt wirklich nichts? Oder gab es schon irgendetwas, das nur niemand gesehen hat?“ Viracocha : „Ein reines Nichts ist ein Wort, das Menschen benutzen, wenn sie sich nichts vorstellen können. Viele Überlieferungen sprechen von Dunkelheit, von Wasser, von Nebel, von Stille. Diese Dinge fühlen sich leer an, aber sie sind bereits Stoff für Geschichten.“
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Perusino: „Ein Nebel ist wie Gemüse im Essen. Alle wissen, dass es drin ist, aber keiner will es sehen.“ Viracocha : „Unsichtbar bedeutet nicht, dass es nicht da ist.“
Perusino: „Wie macht man aus Dunkelheit eine Sonne? Ein Knopf im Himmel wäre praktisch.“ Viracocha : „Mythen erklären mit Bildern. Manche Bilder sagen, dass Licht gesetzt wurde, als Entscheidung. Andere sagen, dass Sonne und Mond aus dem Wasser hervorkamen, damit Tage zählen können. In allen Varianten steckt ein Gedanke: Ordnung braucht Zeichen.“
Perusino: „Ordnung ist ein Wort, das Erwachsene lieben, wenn Kinder gerade Spaß haben.“ Viracocha : „Ein Spaß ohne Grenzen endet oft in Tränen. Grenzen ohne Spaß enden oft in Wut. Beide brauchen ein Maß.“
Perusino: „Dann kommen die Menschen. Aus Lehm, aus Stein, aus irgendwas. Was stimmt denn jetzt?“ Viracocha : „Wirklich ist bei Überlieferungen ein schwieriges Wort. Lehm passt, weil er formbar ist. Stein passt, weil er bleibt. Unterschiedliche Orte wählen unterschiedliche Materialien, weil die Welt dort anders spricht.“
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Perusino: „Manche Geschichten erzählen, dass du Menschen erst gemacht und dann wieder weggenommen hast. Warum sollte man so etwas erzählen?“ Viracocha : „Weil Menschen Fehler kennen. Ein Versuch, der misslingt, ist traurig, aber verständlich. Ein zweiter Versuch wirkt wie Hoffnung. Diese Geschichten sagen nicht, dass Zerstören Spaß macht. Diese Geschichten sagen, dass Lernen weh tun kann.“
Perusino: „Du gehst manchmal als Bettler herum. Warum? Ein Schöpfer könnte doch einfach sagen: Ich bin es, alle sofort freundlich.“ Viracocha : „Freundlichkeit aus Angst ist nicht dasselbe wie Freundlichkeit aus Herz. Ein mächtiger Auftritt macht viele Menschen schnell gehorsam. Eine kleine Gestalt zeigt, wer von selbst hilft. Das ist weniger ein Test und mehr ein Spiegel.“
Perusino: „Ein Spiegel ist fies, weil er nicht lügt.“ Viracocha : „Ein Spiegel ist ehrlich. Fies wird er erst, wenn jemand die Wahrheit nicht ertragen möchte.“
Perusino: „Cheffrage, weil Kinder das immer klären wollen. Bist du der Chef von Inti, von Pachamama, von Illapa und von allen anderen?“ Viracocha : „Chef ist ein Wort aus Büros. In den Anden funktioniert Macht oft wie in einem Dorf. Jede Kraft hat eine Aufgabe. Respekt entsteht aus dieser Aufgabe. Manchmal steht eine Kraft im Mittelpunkt, weil die Zeit es verlangt, und manchmal tritt sie zurück.“
Perusino: „Viele sagen, du wohnst weit oben, irgendwo im Hanan Pacha. Andere erzählen, du wanderst herum. Was stimmt davon?“ Viracocha: „Orte in Mythen sind oft Richtungen im Kopf. Oben bedeutet ehrfürchtig. Weit weg bedeutet schwer zu begreifen. Wandern bedeutet, dass eine Idee überall auftauchen kann, auch dort, wo niemand damit rechnet.“
Perusino: „Also kann eine Idee wie du auch hier im Studio auftauchen, mitten zwischen Scheinwerfern und Kaffee?“ Viracocha : „Genau hier passiert es gerade.“
Perusino: „Eine Frage, die viele Kinder stellen würden, auch wenn sie sich nicht trauen. Kannst du alles?“ Viracocha : „Alles ist ein Wort, das nach Kontrolle klingt. Geschichten geben mir große Kraft, aber sie lassen auch Raum für Entscheidungen. Ohne Entscheidungen wären Menschen Figuren, die nur bewegt werden. Dann gäbe es keine Verantwortung und auch keine echte Freude.“
Perusino: „Dann kommt die fiese Frage. Warum machst du nicht einfach, dass niemand Hunger hat? Ein Klick, zack, alle satt.“ Viracocha : „Ein voller Bauch kann dankbar machen, aber er kann auch vergessen lassen. Viele Vorstellungen erzählen, dass Menschen durch Mangel lernen, zu teilen, zu planen und zusammenzuhalten. Ein Geschenk ohne Aufgabe wird schnell zur Gewohnheit. Eine Gewohnheit wird schnell zur Selbstverständlichkeit.“
Perusino: „Selbstverständlich ist wie, wenn jemand sagt: Das ist halt so. Dann wird es meistens falsch.“ Viracocha : „Das ist ein kluger Verdacht.“
Perusino: „Respekt ist bei den Inka wichtig. Was bedeutet Respekt für dich? Muss man flüstern? Muss man ernst gucken? Darf man lachen?“ Viracocha : „Lachen ist erlaubt. Respekt bedeutet, die Welt nicht wie einen Spielplatz zu behandeln, der nur einem gehört. Respekt bedeutet auch, dass ein Mensch andere nicht kleiner macht, nur um sich selbst größer zu fühlen.“
Perusino: „Das ist dann Spott, oder?“ Viracocha : „Spott ist Lachen, bei dem jemand anderes verletzt wird.“
Perusino: „Brauchst du Tempel, Opfergaben und Rituale?“ Viracocha : „Viele Rituale sind für Menschen. Ein Ritual ordnet den Kopf. Eine Gabe macht ein Versprechen sichtbar. Wer etwas gibt, erinnert sich daran, dass Nehmen nicht kostenlos ist. Eine Welt, die nur nimmt, wird irgendwann leer im Inneren.“
Perusino: „Noch eine Kinderfrage, die heimlich groß ist. Hast du Angst vor irgendetwas?“ Viracocha : „Angst ist ein Zeichen dafür, dass etwas wichtig ist. Ein Anfangswesen fürchtet weniger einen Gegner als Gleichgültigkeit. Gleichgültigkeit macht alles klein, sogar Berge, sogar Kinder.“
Perusino: „Gleichgültigkeit ist wie ein Schulterzucken, nur in riesig.“ Viracocha : „Genau.“
Perusino: „Quatschfrage, weil Quatschfragen Pflicht sind. Hast du ein Lieblingsgeräusch?“ Viracocha : „Regen auf Stein. Wind durch Gräser. Ein Kind, das kurz nachdenkt und dann trotzdem fragt.“
Perusino: „Letzte Frage, weil die Sendezeit gleich weg ist. Wenn du nur eine Sache an der Welt ändern dürftest, nur eine, welche wäre das?“ Viracocha : „Mehr Zuhören. Weniger Schreien. Besonders bei Erwachsenen, weil Schreien oft als Argument verkleidet wird.“
Perusino: „Ein Satz zum Schluss für Kinder. Ein Satz, der hängen bleibt. Was wäre deiner?“ Viracocha : „Größe ist nicht laut. Respekt zählt auch dann, wenn niemand zusieht.“
Das rote Licht über der Kamera ging aus. Ein Techniker atmete hörbar aus, als hätte er gerade einen Berg getragen. Perusino schaute Viracocha an und merkte, dass ein modernes Studio manchmal doch wie ein heiliger Ort wirken kann, wenn jemand darin aufhört zu brüllen.
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