Perusino erklärt: Die Chasqui, die schnellsten Beine der Anden
Perusino sitzt auf einem Stein, der so kalt ist, dass sogar ein Kaktus sagen würde: Nein danke. Über ihm liegt die Luft dünn wie eine Suppe, die jemand aus Versehen zu lange gekocht hat. Vor ihm ziehen sich Berge hoch, als hätten die Anden beschlossen, den Himmel ein bisschen zu ärgern. Perusino schaut nach links, schaut nach rechts, schaut in die Ferne und sagt: Heute geht es um Leute, die hier nicht spazieren gegangen sind. Heute geht es um Chasqui. Also um Boten. Also um Menschen, die so schnell laufen, dass man beim Zusehen plötzlich selber Durst bekommt.
Im Inka-Reich war das mit der Post nämlich nicht so wie heute. Kein Briefkasten. Kein Fahrrad. Kein Paketdienst, der klingelt, wenn man gerade im Bad ist. Das Inka-Reich war riesig. Es reichte über ganz viele Berge und Täler. Da lagen Orte weit voneinander weg, und dazwischen standen nicht gemütliche Cafés, sondern Felsen, Schluchten, Schnee und Wege, die aussahen, als hätte ein Lama sie geplant. Trotzdem mussten Nachrichten herum. Ganz schnell. Und dann kamen die Chasqui.
Perusino hält die Hände wie ein Megafon an den Mund, obwohl niemand weit und breit ist. „Chasqui waren die Rennfahrer vom Berg. Nur ohne Auto. Und ohne Helm. Und ohne Jammern.“
Wer wurde Chasqui
Perusino erklärt es so, wie es Kinder eben erklären, wenn sie etwas sehr wichtig finden. Einige Kinder wurden früh ausgesucht, weil sie gut laufen konnten. Nicht so ein „ich renn mal zur Schaukel“, sondern „ich renn mal über einen Berg, tschüss“. Es ging um Schnelligkeit, aber auch um Ausdauer. Wer nach zwei Minuten sagt, die Beine sind müde, der wird kein Chasqui. Wer dabei noch geradeaus schauen kann, ohne in den nächsten Abhang zu stolpern, der hat schon bessere Karten.
Das klingt erst mal streng. War es auch. Im Inka-Reich hing die Organisation davon ab, dass Nachrichten ankommen. Wenn irgendwo etwas fehlte, wenn sich irgendwo Leute stritten, wenn Vorräte gebraucht wurden oder ein Befehl losmusste, dann musste das zack passieren. Perusino findet das praktisch. „Wenn Perusina mir sagt, ich soll sofort helfen, dann bin ich auch Chasqui. Nur ohne Reich. Und mit mehr Gemecker.“
Warum die Coca-Blätter dabei waren
Jetzt kommt der Teil, wo Perusino kurz ernst guckt, weil die Berge hier wirklich hoch sind. In den Anden ist die Luft dünn. Wer schon mal sehr schnell gerannt ist, kennt das Gefühl: Brust brennt, Kopf wird warm, man macht Geräusche wie ein kaputter Blasebalg. In den Anden ist das noch schlimmer. Die Inka kannten dafür ein Mittel, das ihnen wichtig und heilig war: Coca-Blätter.
Perusino erklärt es ganz einfach: Die Blätter halfen beim Durchhalten in der Höhe. Das war für die Chasqui nützlich, weil sie viel laufen mussten und die Wege gefährlich waren. Coca war in der Inka-Kultur etwas Besonderes, nicht einfach irgendein Blatt zum Draufrumkauen wie ein Stück Gras. Perusino sieht ein bisschen stolz aus, als hätte er das Blatt gerade selbst erfunden, obwohl er es natürlich nicht erfunden hat.
Die Nachrichten waren nicht einfach nur Zettel
Jetzt wird es richtig spannend, sagt Perusino, und macht dabei die Augen so groß, dass man denkt, gleich fliegt ein Kondor rein. Die Inka hatten kein Papier wie wir. Für Aufzeichnungen nutzten sie Quipus. Das sind Schnüre mit Knoten, oft in verschiedenen Farben. Diese Knoten waren nicht nur Deko. In ihnen steckten Informationen, zum Beispiel Zahlen und Daten für Verwaltung und Versorgung.
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Perusino hält eine imaginäre Schnur hoch. „Stell dir vor, du bekommst eine Schnur mit Knoten, und da steht drauf: In drei Tagen braucht das Lager am Berg 200 Maiskörner und 40 Decken. Nur halt ohne Worte. Nur mit Knoten. Wenn ich das meiner Mathelehrerin geben würde, würde sie vermutlich einfach umkippen.“
Die Chasqui transportierten solche Quipus und andere Nachrichten. Und wichtig: Es reichte nicht, nur schnell zu laufen. Man musste auch wissen, was man da trägt und wie man es weitergibt. Das war Arbeit mit Kopf und Beinen. Eine fiese Kombination, findet Perusino, weil man dann nicht mal beim Rennen dumm sein darf.
Das Staffel-System mit Tampus
Perusino liebt Staffeln. Nicht, weil er gern teilt, sondern weil er gern schnell ist und dann jemand anderes dran ist. Genau so lief es im Inka-Reich. Die Chasqui rannten nicht 1.250 Kilometer am Stück. Das wäre selbst für Perusino zu viel, und der behauptet viel. Stattdessen gab es Stationen, die man Tampus nennt. Dort gab es Versorgung und einen Wechsel. Ein Chasqui rannte ein Stück, gab die Nachricht ab, und der nächste rannte weiter.
In deinem Text steht, dass es ungefähr 2,4 Kilometer zwischen Kontroll- und Versorgungsstellen waren, bevor übergeben wurde. Das ist nicht mal „bis zur nächsten Stadt“, sondern eher „bis dahin, wo der Berg plötzlich noch steiler wird“. Das klingt wenig, ist aber auf schmalen Andenpfaden mit Höhenluft ein ordentliches Stück. Und weil sie immer wechselten, konnte die Nachricht unglaublich schnell durchs Reich flitzen.
Dann kommt das Beispiel, bei dem Perusino jedes Mal pfeift, auch wenn er nicht richtig pfeifen kann: Cusco nach Quito. Ungefähr 1.250 Kilometer. In vier Tagen. Perusino rechnet kurz in seinem Kopf, dann sagt er: „Das ist, als würde ich von hier bis ganz weit weg rennen, und dabei nicht einmal stehen bleiben, um einen Stein anzuschreien.“
Mehr als Post: Warnung und Spionage
Perusino senkt die Stimme, weil jetzt der spannende Teil kommt. Die Chasqui waren nicht nur für „Hallo, wie geht’s, bitte schick Mais“ zuständig. Sie waren auch ein Warnsystem. Wenn irgendwo im Reich Unruhe war, ein Aufstand drohte oder eine Gefahr auftauchte, dann mussten die Herrscher davon erfahren, bevor es richtig knallte. Dann mussten schnell Entscheidungen getroffen werden. Und dafür brauchte man die Chasqui.
Perusino nennt es „menschliches Alarmhorn“. Nur dass das Alarmhorn selbst rennen musste. Und zwar über Berge. Bei Wind. Bei Regen. Und manchmal vermutlich mit einem Stein im Schuh. Das sagt er nicht, aber jeder, der schon mal gerannt ist, weiß: Der Stein ist immer da. Irgendwo.
Und dann kamen die Spanier
Irgendwann wurde das Inka-Reich von den Spaniern erobert. Perusino verzieht das Gesicht, weil er solche Stellen in Geschichten nicht mag. Trotzdem bleibt etwas interessant: Die Fähigkeit der Chasqui beeindruckte so sehr, dass die Spanier sie im Virreinato weiter nutzten. Das heißt: Selbst nachdem sich vieles änderte, blieb das Rennen auf den Wegen wichtig. Wenn sogar die neuen Machthaber sagen „die brauchen wir“, dann waren diese Läufer wirklich besonders.
Perusino sagt dazu: „Wenn sogar Leute, die sonst alles ändern wollen, deine Arbeit behalten, dann machst du deinen Job ziemlich gut.“
Warum es die Chasqui heute noch irgendwie gibt
Perusino schaut wieder auf die Berge und wird ein bisschen lebhaft. Heute rennen Menschen aus Spaß. Man nennt es Trail Running oder Bergathletik. Viele laufen auf alten Wegen, auch auf Teilen des Qhapaq Ñan, dem großen Straßennetz der Inka. Das ist nicht genau dasselbe wie früher, weil heute niemand eine Knotenschnur mit Steuerdaten im Mundwinkel trägt. Aber die Idee ist ähnlich: Bewegung durch wilde Landschaft, Respekt vor den Bergen und ein bisschen Stolz darauf, etwas zu schaffen, das schwer ist.
Perusino findet das gut. „Wenn du hier rennst, merkst du, dass die Anden keine Witze machen. Und du merkst auch, dass Menschen früher wirklich verrückte Sachen gemacht haben, nur damit eine Nachricht ankommt.“
Perusinos Schlusswort, ohne das böse Wort
Perusino steht auf, klopft sich den Staub ab und tut so, als wäre er gleich dran mit einer Staffel. Seine Beine zucken schon, obwohl er noch gar nicht losgelaufen ist. „Chasqui waren nicht einfach nur schnelle Läufer. Sie waren das Nachrichtennetz vom Inka-Reich. Ohne sie wäre alles langsamer gewesen, chaotischer, und irgendwer hätte ständig gesagt: Das habe ich nicht gewusst. Ich mag das nicht. Ich mag es, wenn Sachen schnell ankommen. Auch Kekse.“
Und dann rennt er los. Natürlich nur ein paar Schritte. Dann merkt er, dass die Luft hier oben dünn ist. Dann tut er so, als hätte er das geplant. „Training“, sagt er. „Sehr kluges Training.“
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